Sonntag, 21. April 2013

Kerker

Faust sucht Gretchen im Kerker auf, wo sie vor sich hinsiecht. Sie erkennt ihn zunächst nicht. Er offenbart ihr, dass sie befreit wäre, jedoch nimmt sie das nicht richtig wahr. Sie ist tief in der Schuld, die sich auf sich lud und weigert sich mitzukommen.  Sie geht mit vollem Bewußtsein in den sicheren Tod während sich Faust dafür entscheidet mit Mephisto zusammen fortzugehen. Mit diesem Abschnitt endet die Gretchentragödie. Sie ist das eigentliche Opfer der Wette zwischen Gott und Mephisto. Sie ist die gute Seele, die ihre schlechten Taten bereut und sich dafür den Konsequenzen stellt. Dafür ist Faust nicht mutig genug, dieser entzieht sich seiner gerechten Strafe, indem er mit Mephisto flieht.

Personen
Faust 
Gretchen


Kerker.




Faust, mit einem Bund Schlüssel und einer Lampe, vor einem eisernen Thürchen.
4405
Mich faßt ein längst entwohnter Schauer,
Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an.
Hier wohnt sie hinter dieser feuchten Mauer,
Und ihr Verbrechen war ein guter Wahn!
Du zauderst zu ihr zu gehen!
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4410
Du fürchtest, sie wieder zu sehen!
Fort! dein Zagen zögert den Tod heran. er ergreift das Schloß. Es singt inwendig.
          Meine Mutter, die Hur,
          Die mich umgebracht hat!
          Mein Vater, der Schelm,
[297]
4415
          Der mich gessen hat!
          Mein Schwesterlein klein
          Hub auf die Bein,
          An einem kühlen Ort;
          Da ward ich ein schönes Waldvögelein,
4420
          Fliege fort, fliege fort!

Faust aufschließend.
Sie ahndet nicht, daß der Geliebte lauscht,
Die Ketten klirren hört, das Stroh, das rauscht.
er tritt ein.
Margarete sich auf dem Lager verbergend.
Weh! Weh! Sie kommen. Bittrer Tod!

Faust leise.
Still! Still! ich komme, dich zu befreyen.

Margarete sich vor ihn hinwälzend.
4425
Bist du ein Mensch, so fühle meine Noth.
Faust sucht Gretchen im Gefängnis auf, diese erkennt ihn nicht, erkennt nichteinmal, dass er ein Mensch ist
Faust.
Du wirst die Wächter aus dem Schlafe schreyen!
er faßt die Ketten, sie aufzuschließen.
Margarete auf den Knieen.
Wer hat dir Henker diese Macht
Ueber mich gegeben!
[298]
Du holst mich schon um Mitternacht.
4430
Erbarme dich und laß mich leben!
Ist’s morgen früh nicht zeitig genung?
sie steht auf.
   
Bin ich doch noch so jung, so jung!
Und soll schon sterben!
Schön war ich auch, und das war mein Verderben.
4435
Nah war der Freund, nun ist er weit,
Zerrissen liegt der Kranz, die Blumen zerstreut.
Fasse mich nicht so gewaltsam an!
Schone mich! Was hab’ ich dir gethan?
Laß mich nicht vergebens flehen,
4440
Hab’ ich dich doch mein’ Tage nicht gesehen!

Faust.
Werd’ ich den Jammer überstehen!
Sie glaubt in Faust den Henker zu sehen, der sie umbringen soll. Faust erträgt den Kummer kaum
Margarete.
Ich bin nun ganz in deiner Macht.
Laß mich nur erst das Kind noch tränken.
Ich herzt’ es diese ganze Nacht;
4445
Sie nahmen mir’s um mich zu kränken
Und sagen nun, ich hätt’ es umgebracht.
Und niemals werd’ ich wieder froh.
[299]
Sie singen Lieder auf mich! Es ist bös von den Leuten!
Ein altes Mährchen endigt so,
4450
Wer heißt sie’s deuten?

Faust wirft sich nieder.
Ein Liebender liegt dir zu Füßen
Die Jammerknechtschaft aufzuschließen.

Margarete wirft sich zu ihm.
O laß uns knien die Heil’gen anzurufen!
Sieh! unter diesen Stufen,
4455
Unter der Schwelle
Siedet die Hölle!
Der Böse,
Mit furchtbarem Grimme,
Macht ein Getöse!

Faust laut.
4460
Gretchen! Gretchen!
Sie will das Kind noch säugen bevor sie sterben muss, Faust ruft ihren Namen
Margarete aufmerksam.
Das war des Freundes Stimme!
Sie springt auf. Die Ketten fallen ab.
Wo ist er? ich hab’ ihn rufen hören.
Ich bin frey! mir soll niemand wehren.
[300]
An seinen Hals will ich fliegen,
4465
An seinem Busen liegen!
Er rief Gretchen! Er stand auf der Schwelle.
Mitten durch’s Heulen und Klappen der Hölle,
Durch den grimmigen, teuflischen Hohn,
Erkannt’ ich den süßen, den liebenden Ton.

Faust.
4470
Ich bin’s!

Margarete.
 Du bist’s! O sag’ es noch einmal!
ihn fassend.
Er ist’s! Er ist’s! Wohin ist alle Qual?
Wohin die Angst des Kerkers? der Ketten?
Du bist’s! Kommst mich zu retten.
Ich bin gerettet! –
4475
Schon ist die Straße wieder da,
Auf der ich dich zum erstenmale sah.
Und der heitere Garten,
Wo ich und Marthe deiner warten.

Faust fortstrebend.
Komm mit! Komm mit!
[301]
Margarete.
 O weile
4480
Weil’ ich doch so gern wo du weilest.
liebkosend.

Sie erkennt Faust und folgt ihm mit, er will sie herausbringen
Faust.
Eile!
Wenn du nicht eilest,
Werden wir’s theuer büßen müssen.

Margarete.
Wie? du kannst nicht mehr küssen?
4485
Mein Freund, so kurz von mir entfernt,
Und hast’s Küssen verlernt?
Warum wird mir an deinem Halse so bang?
Wenn sonst von deinen Worten, deinen Blicken
Ein ganzer Himmel mich überdrang,
4490
Und du mich küßtest als wolltest du mich ersticken.
Küsse mich!
Sonst küss’ ich dich!
Sie umfaßt ihn.
O weh! deine Lippen sind kalt,
Sind stumm.
4495
Wo ist dein Lieben
[302]
Geblieben?
Wer brachte mich drum?
sie wendet sich von ihm.
Faust.
Komm! Folge mir! Liebchen fasse Muth!
Ich herze dich mit tausendfacher Glut,
4500
Nur folge mir! Ich bitte dich nur dieß!

Margarete zu ihm gewendet.
Und bist du’s denn? Und bist du’s auch gewiß?

Faust.
Ich bin’s! Komm mit!

Margarete.
 Du machst die Fesseln los,
Nimmst wieder mich in deinen Schoos.
Wie kommt es, daß du dich vor mir nicht scheust? –
4505
Und weißt du denn, mein Freund, wen du befreyst?
Anstatt Faust einfach zu folgen diskutiert sie mit ihm. Ob er nicht wissen wen sie vor sich hat fragt sie und noch vieles mehr
Faust.
Komm! komm! schon weicht die tiefe Nacht.

Margarete.
Meine Mutter hab’ ich umgebracht,
Mein Kind hab’ ich ertränkt.
War es nicht dir und mir geschenkt?
[303]
4510
Dir auch – Du bist’s! ich glaub’ es kaum.
Gieb deine Hand! Es ist kein Traum!
Deine liebe Hand! – Ach aber sie ist feucht!
Wische sie ab! Wie mich däucht
Ist Blut dran.
4515
Ach Gott! was hast du gethan!
Stecke den Degen ein,
Ich bitte dich drum!

Faust.
Laß das Vergang’ne vergangen seyn,
Du bringst mich um.
Sie zählt die Liste ihrer Verfehlungen auf und fragt Faust, ob er mit so einer Frau zusammen sein will. Dieser will die Vergangenheit ruhen lassen und sie endlich befreien.
Margarete.
4520
Nein, du mußt übrig bleiben!
Ich will dir die Gräber beschreiben,
Für die mußt du sorgen
Gleich morgen;
Der Mutter den besten Platz geben,
4525
Meinen Bruder sogleich darneben,
Mich ein wenig bey Seit’,
Nur nicht gar zu weit!
Und das Kleine mir an die rechte Brust.
Niemand wird sonst bey mir liegen! –
[304]
4530
Mich an deine Seite zu schmiegen
Das war ein süßes, ein holdes Glück!
Aber es will mir nicht mehr gelingen,
Mir ist’s als müßt’ ich mich zu dir zwingen,
Als stießest du mich von dir zurück.
4535
Und doch bist du’s und blickst so gut, so fromm.

Faust.
Fühlst du daß ich es bin, so komm!

Margarete.
Dahinaus?

Faust.
In’s Freye.

Margarete.
 Ist das Grab drauß’,
Lauert der Tod; so komm!
4540
Von hier in’s ewige Ruhebett
Und weiter keinen Schritt –
Du gehst nun fort? O Heinrich, könnt’ ich mit!

Faust.
Du kannst! So wolle nur! die Thür steht offen.

Margarete .
Ich darf nicht fort; für mich ist nichts zu hoffen.
[305]
4545
Was hilft es fliehn? sie lauern doch mir auf.
Es ist so elend betteln zu müssen,
Und noch dazu mit bösem Gewissen!
Es ist so elend in der Fremde schweifen
Und sie werden mich doch ergreifen!
Die Tür nach draßen ist nun offen, aber Gretchen will nicht hindurch gehen. Sie meint, dass ihr Platz dort sei, und das sie doch gefasst werden würde.
Faust.
4550
Ich bleibe bey dir.

Margarete.
Geschwind! Geschwind!
Rette dein armes Kind.
Fort! immer den Weg
Am Bach hinauf,
4555
Ueber den Steg,
In den Wald hinein,
Links, wo die Planke steht,
Im Teich.
Faß es nur gleich!
4560
Es will sich heben,
Es zappelt noch,
Rette! rette!
[306]
Faust.
Besinne dich doch!
Nur einen Schritt, so bist du frey!

Margarete.
4565
Wären wir nur den Berg vorbey!
Da sitzt meine Mutter auf einem Stein,
Es faßt mich kalt beym Schopfe!
Da sizt meine Mutter auf einem Stein
Und wackelt mit dem Kopfe;
4570
Sie winkt nicht, sie nickt nicht, der Kopf ist ihr schwer,
Sie schlief so lange, sie wacht nicht mehr.
Sie schlief damit wir uns freuten.
Es waren glückliche Zeiten!

Faust.
Hilft hier kein Flehen, hilft kein Sagen;
4575
So wag’ ich’s dich hinweg zu tragen.
Sie phantasiert von ihrer Mutter und ihrem Kind. Sie denkt an glückliche Zeiten
Margarete.
Laß mich! Nein, ich leide keine Gewalt!
Fasse mich nicht so mörderisch an!
Sonst hab’ ich dir ja alles zulieb gethan.

Faust.
Der Tag graut! Liebchen! Liebchen!
[307]
Margarete.
4580
Tag! Ja es wird Tag! der letzte Tag dringt herein;
Mein Hochzeittag sollt’ es seyn!
Sag Niemand daß du schon bey Gretchen warst.
Weh meinem Kranze!
Es ist eben geschehn!
4585
Wir werden uns wiedersehn;
Aber nicht beym Tanze.
Die Menge drängt sich, man hört sie nicht.
Der Platz, die Gassen
Können sie nicht fassen.
4590
Die Glocke ruft, das Stäbchen bricht.
Wie sie mich binden und packen!
Zum Blutstuhl bin ich schon entrückt.
Schon zuckt nach jedem Nacken
Die Schärfe die nach meinem zückt.
4595
Stumm liegt die Welt wie das Grab!

Faust.
O wär’ ich nie geboren!

Mephistopheles erscheint draußen.
Auf! oder ihr seyd verloren.
[308]
Unnützes Zagen! Zaudern und Plaudern!
Meine Pferde schaudern,
4600
Der Morgen dämmert auf.
Mephisto kommt herbei und macht beide darauf aufmerksam, dass der Tag sich dem Ende neigt. Beide sollen sich jetzt beeilen, sonst sind sie beide zum Tode verurteilt
Margarete.
Was steigt aus dem Boden herauf?
Der! der! Schicke ihn fort!
Was will der an dem heiligen Ort?
Er will mich!

Faust.
 Du sollst leben!

Margarete.
4605
Gericht Gottes! dir hab’ ich mich übergeben!

Mephistopheles zu Faust.
Komm! komm! Ich lasse dich mit ihr im Stich.

Margarete.
Dein bin ich, Vater! Rette mich!
Ihr Engel! Ihr heiligen Schaaren,
Lagert euch umher, mich zu bewahren!
4610
Heinrich! Mir graut’s vor dir.

Mephistopheles.
Sie ist gerichtet!
[309]
Stimme von oben.
 Ist gerettet!

Mephistopheles zu Faust.
 Her zu mir!
Verschwindet mit Faust.
Stimme von innen, verhallend.
Heinrich! Heinrich!

Sie ist tot, der Teufel sagt sie sei gerichtet Gott? sagt sie sei gerettet - Ende



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