Sonntag, 21. April 2013

Walpurgisnacht.

 Inhalt
In der Walpurgisnacht machen sich Faust und Mephisto auf den Weg zum Brocken im Harz. Hier sollen sich bei der Walpurgisnacht die Hexen versammeln. Als sie sich durch das Irrlicht geleitet auf den Weg machen, sind bereits viele Hexen dort. Mephisto und Faust tanzen ausgelassen, Mephisto hält eine Rede bei der er den jüngsten Tag ankündigt und Faust begegnet ein Trugbild von Gretchen.

Personen
Faust
Mephisto
Hexen

Interpretation
Diese Szene lebt von der Atmosphäre, die der Autor von Beginn an schafft. Es wird viel Wert darauf gelegt, dass der Zuschauer die unheimliche und mystische Atmosphäre aufnehmen kann. Die Musik und die Menschen / Hexen sorgen dafür, dass sich Faust und der Zuschauer von den bisherigen Ereignissen löst und sich ganz den neuen, sinnlichen Eindrücken hingeben kann.Während Gretchen leidet, wie wir in der vorangegangenen Szene sehen konnten, amüsiert sich Faust sehr. Ganz einfach ist es nicht zum Ort des Geschehens zu gelangen: Sie brauchen Hilfe vom Irrlicht um den Brocken und die Feier zu finden.  Bevor sie auf den Berg gelangen sind sie umringt von lüsternen, wirbelnden Hexen, die um sie herum schwirren. Alle wollen hinauf auf den Berg, wo die wilde Feier abläuft.

Da strömt die Menge zu dem Bösen
da muss sich manches Rätsel lösen

Faust soll an Hand der Betrachtung der Ereignisse das Leben kennenlernen. Er soll durch das versammelte Böse die Welt verstehen. Mephisto verdeutlicht Faust, dass dieser sich nicht der großen Welt zuwenden solle, sondern sich seine eigene kleine Welt schaffen sollte, die in der Walpurgisnacht allerlei vergnügliches für ihr bereit hält: Er tanzt, er sieht sich allerlei Neues an und erkundet auch die dortige Damenwelt. Die Hexen sind voller heidnischer Symbolik, sie veranstalten ein wahres Feuerwerk für die Sinne. Diese Vielfältige Überschwänglichkeit wird sogar dem Teufel zu viel  ( V4030), es handelt sich hierbei aber um eine Feier zu Ehren des Teufels ( er hält Hof). Faust tanzt mit einer Frau, die ihm wieder einmal der Teufel vermittelt hat (=Kuppelei), dieser springt eine rote Maus aus den Mund, woraufhin Faust den Tanz abbricht. Eigentlich aber erscheint ihm ein Mädchen mit einem roten Halstuch, das Grettchen erinnert. Mephisto sagt, sie sei ein Trugbild mit eigentlich abgeschlagenen Kopf. Hierin liegt eine Vorahnung auf Gretchens kommenden Tod. Dies wird in mehrfacher Hinsicht symbolisiert: Zum Einen durch das rote Halstuch ( Blut, blutige Abschnitte am Hals, da dort der Kopf abgetrennt wird), zum Anderen durch die Gestalt in Form von Gretchen ( die ja eigentlich keinen Kopf hat). Mephisto erklärt, dass es sich um die sagenhafte Medusa handeln würde, um Faust abzulenken. Dieser realisiert nicht, dass es sich um eine Vorausnahme der kommenden Ereignisse bezüglich Gretchen handelt.

Die Szene hat aus mehreren Blickpunkten eine große Bedeutung: Zum Einen ist die Szene sehr lang, was zeigt wie wichtig es Goethe war den Ereignissen Raum zu geben. Zum Anderen ist die Aufmachung der Umgebung besonders liebevoll, besonders mystisch und sehr aus dem Rahmen der anderen Handlungsräume herausgenommen. Nebelschwaden ziehen umher, es ist dunkel und so laut und lebhaft, dass es sogar dem Teufel zu viel wird. Hier entlädt sich die gesamte Spannung des Stückes mit gewaltigen Bildern. Mephisto nimmt nun Faust mit in seine Welt. Waren sie zuvor in Auerbachs Keller unterwegs, dringen sie nun vollens in die mystische, übersinnliche Welt ein. Hierbei war der Besuch bei der Hexe, bei der Faust einen Trank bekam nur ein Vorgeschmack: Alles was in der bösen Unterwelt einen Rang oder Namen hat versammelt sich hier in dieser Versammlung. Hier unternimmt Mephisto einen weiteren Versuch Faust zu verführen: Beim Tanz mit einer schönen Frau. Doch Gretchen ist immer noch in Fausts Gedanken.
Walpurgisnacht.

Harzgebirg.
Gegend von Schirke und Elend.

-->
Faust. Mephistopheles.
Mephistopheles.
3835
Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.
Auf diesem Weg sind wir noch weit vom Ziele.

Faust.
So lang’ ich mich noch frisch auf meinen Beinen fühle,
Genügt mir dieser Knotenstock.
3840
Was hilft’s daß man den Weg verkürzt! –
Im Labyrinth der Thäler hinzuschleichen,
Dann diesen Felsen zu ersteigen,
[257]
Von dem der Quell sich ewig sprudelnd stürzt,
Das ist die Lust, die solche Pfade würzt!
3845
Der Frühling webt schon in den Birken,
Und selbst die Fichte fühlt ihn schon;
Sollt’ er nicht auch auf unsre Glieder wirken?

Mephistopheles.
Fürwahr ich spüre nichts davon!
Mir ist es winterlich im Leibe,
3850
Ich wünschte Schnee und Frost auf meiner Bahn.
Wie traurig steigt die unvollkommne Scheibe
Des rothen Monds mit später Gluth heran!
Und leuchtet schlecht, daß man bey jedem Schritte,
Vor einen Baum, vor einen Felsen rennt!
3855
Erlaub’ daß ich ein Irrlicht bitte!
Dort seh’ ich eins, das eben lustig brennt.
He da! mein Freund! darf ich dich zu uns fodern?
Was willst du so vergebens lodern?
Sey doch so gut und leucht’ uns da hinauf!

Irrlicht.
3860
Aus Ehrfurcht, hoff’ ich, soll es mir gelingen
Mein leichtes Naturell zu zwingen;
Nur Zickzack geht gewöhnlich unser Lauf.
[258]
Mephistopheles.
Ei! Ei! er denkt’s den Menschen nachzuahmen.
Geh er nur g’rad’, in’s Teufels Nahmen!
3865
Sonst blas’ ich ihm sein Flacker-Leben aus.

Irrlicht.
Ich merke wohl, ihr seyd der Herr vom Haus,
Und will mich gern nach euch bequemen.
Allein bedenkt! der Berg ist heute zaubertoll,
Und wenn ein Irrlicht euch die Wege weisen soll,
3870
So müßt ihr’s so genau nicht nehmen.
Faust, Mephistopheles, Irrlicht im Wechselgesang.
In die Traum- und Zaubersphäre
Sind wir, scheint es, eingegangen.
Führ’ uns gut und mach’ dir Ehre!
Daß wir vorwärts bald gelangen,
3875
In den weiten, öden Räumen!

     Seh’ die Bäume hinter Bäumen,
Wie sie schnell vorüber rücken,
Und die Klippen, die sich bücken,
Und die langen Felsennasen,
3880
Wie sie schnarchen, wie sie blasen!
[259]
     Durch die Steine, durch den Rasen
Eilet Bach und Bächlein nieder.
Hör’ ich Rauschen? hör’ ich Lieder?
Hör’ ich holde Liebesklage,
3885
Stimmen jener Himmelstage?
Was wir hoffen, was wir lieben!
Und das Echo, wie die Sage
Alter Zeiten, hallet wider.

     Uhu! Schuhu! tönt es näher,
3890
Kauz und Kiebitz und der Häher,
Sind sie alle wach geblieben?
Sind das Molche durchs Gesträuche?
Lange Beine, dicke Bäuche.
Und die Wurzeln, wie die Schlangen,
3895
Winden sich aus Fels und Sande;
Strecken wunderliche Bande,
Uns zu schrecken, uns zu fangen;
Aus belebten, derben Masern
Strecken sie Polypenfasern
3900
Nach dem Wandrer. Und die Mäuse
Tausendfärbig, schaarenweise,
[260]
Durch das Moos und durch die Heide!
Und die Funkenwürmer fliegen,
Mit gedrängten Schwärme-Zügen,
3905
Zum verwirrenden Geleite.

     Aber sag’ mir ob wir stehen?
Oder ob wir weiter gehen?
Alles alles scheint zu drehen,
Fels und Bäume, die Gesichter
3910
Schneiden, und die irren Lichter,
Die sich mehren, die sich blähen.

Faust und Mephisto wollen auf den Berg gelangen, lassen sich vom Irrlicht leiten
Mephistopheles.
Fasse wacker meinen Zipfel!
Hier ist so ein Mittelgipfel,
Wo man mit Erstaunen sieht,
3915
Wie im Berg der Mammon glüht.

Faust.
Wie seltsam glimmert durch die Gründe
Ein morgenröthlich trüber Schein!
Und selbst bis in die tiefen Schlünde
Des Abgrunds wittert er hinein.
3920
Da steigt ein Dampf, dort ziehen Schwaden,
[261]
Hier leuchtet Glut aus Dunst und Flor,
Dann schleicht sie wie ein zarter Faden,
Dann bricht sie wie ein Quell hervor.
Hier schlingt sie eine ganze Strecke,
3925
Mit hundert Adern, sich durchs Thal,
Und hier in der gedrängten Ecke
Vereinzelt sie sich auf einmal.
Da sprühen Funken in der Nähe,
Wie ausgestreuter goldner Sand.
3930
Doch schau! in ihrer ganzen Höhe
Entzündet sich die Felsenwand.
Sie beschreiben die Szenerie, wie dort Dampf und Leuchten aus dem sonst so stillen Berg dringt
Mephistopheles.
Erleuchtet nicht zu diesem Feste
Herr Mammon prächtig den Pallast?
Ein Glück daß du’s gesehen hast;
3935
Ich spüre schon die ungestümen Gäste.

Faust.
Wie ras’t die Windsbraut durch die Luft!
Mit welchen Schlägen trifft sie meinen Nacken!

Mephistopheles.
Du mußt des Felsens alte Rippen packen,
Sonst stürzt sie dich hinab in dieser Schlünde Gruft.
[262]
3940
Ein Nebel verdichtet die Nacht.
Höre wie’s durch die Wälder kracht!
Aufgescheucht fliegen die Eulen.
Hör’ es splittern die Säulen
Ewig grüner Palläste.
3945
Girren und Brechen der Aeste
Der Stämme mächtiges Dröhnen!
Der Wurzeln Knarren und Gähnen!
Im fürchterlich verworrenen Falle
Ueber einander krachen sie alle,
3950
Und durch die übertrümmerten Klüfte
Zischen und heulen die Lüfte.
Hörst du Stimmen in der Höhe?
In der Ferne in der Nähe?
Ja, den ganzen Berg entlang
3955
Strömt ein wüthender Zaubergesang.
Sie machen sich auf den Weg zum Berg, wo sich die Hexen bereits befinden
Hexen im Chor.
     Die Hexen zu dem Brocken ziehn,
     Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün.
     Dort sammelt sich der große Hauf,
     Herr Urian sitzt oben auf.
[263]
3960
     So geht es über Stein und Stock,
     Es f – t[4] die Hexe, es st – t[5] der Bock.

Stimme.
     Die alte Baubo kommt allein,
     Sie reitet auf einem Mutterschwein.

Chor.
     So Ehre dem, wem Ehre gebürt!
3965
     Frau Baubo vor! und angeführt!
     Ein tüchtig Schwein und Mutter drauf,
     Da folgt der ganze Hexenhauf.

Stimme.
     Welchen Weg kommst du her?

Stimme.
 Ueber’n Ilsenstein!
Da guckt’ ich der Eule in’s Nest hinein.
3970
Die macht ein Paar Augen!

Stimme.
 O fahre zur Hölle!
Was reit’st du so schnelle!

Stimme.
     Mich hat sie geschunden,
     Da sieh nur die Wunden!
[264]
Hexen Chor.
     Der Weg ist breit, der Weg ist lang,
3975
     Was ist das für ein toller Drang?
     Die Gabel sticht, der Besen kratzt,
     Das Kind erstickt, die Mutter platzt.

Hexenmeister. Halbes Chor.
     Wir schleichen wie die Schneck’ im Haus,
     Die Weiber alle sind voraus.
3980
     Denn, geht es zu des Bösen Haus,
     Das Weib hat tausend Schritt voraus.

Andre Hälfte.
     Wir nehmen das nicht so genau,
     Mit tausend Schritten macht’s die Frau;
     Doch, wie sie sich auch eilen kann,
3985
     Mit Einem Sprunge macht’s der Mann.

Stimme oben.
Kommt mit, kommt mit, vom Felsensee!

Stimmen von unten.
Wir möchten gerne mit in die Höh’.
Wir waschen und blank sind wir ganz und gar;
Aber auch ewig unfruchtbar.
[265]
Beyde Chöre.
3990
Es schweigt der Wind, es flieht der Stern,
Der trübe Mond verbirgt sich gern.
Im Sausen sprüht das Zauberchor
Viel tausend Feuerfunken hervor.

Stimme von unten.
Halte! Halte!

Stimme von oben.
3995
                    Wer ruft da aus der Felsenspalte?

Stimme unten.
     Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!
     Ich steige schon dreyhundert Jahr,
     Und kann den Gipfel nicht erreichen
     Ich wäre gern bey meines gleichen.

Beyde Chöre.
4000
     Es trägt der Besen, trägt der Stock,
     Die Gabel trägt, es trägt der Bock,
     Wer heute sich nicht heben kann,
     Ist ewig ein verlorner Mann.

Halbhexe unten.
     Ich tripple nach, so lange Zeit,
4005
     Wie sind die andern schon so weit!
[266]
     Ich hab’ zu Hause keine Ruh,
     Und komme hier doch nicht dazu.

Chor der Hexen.
     Die Salbe giebt den Hexen Muth,
     Ein Lumpen ist zum Segel gut
4010
     Ein gutes Schiff ist jeder Trog,
     Der flieget nie, der heut nicht flog.

Beyde Chöre.
     Und wenn wir um den Gipfel ziehn,
     So streichet an dem Boden hin,
     Und deckt die Heide weit und breit
4015
     Mit eurem Schwarm der Hexenheit.
Sie lassen sich nieder.

Auf dem Brocken haben sich die Hexen versammelt, die dort ihren Ritualen nachgehen. Mephisto und Faust sind auf dem Weg dahin
Mephistopheles.
Das drängt und stößt, das ruscht und klappert!
Das zischt und quirlt, das zieht und plappert!
Das leuchtet, sprüht und stinkt [ und brennt!
Ein wahres Hexenelement!
4020
Nur fest an mir! sonst sind wir gleich getrennt.
Wo bist du?

Faust in der Ferne.
 Hier!
[267]
Mephistopheles.
 Was! dort schon hingerissen?
Da werd’ ich Hausrecht brauchen müssen.
Platz! Junker Voland kommt. Platz! süßer Pöbel, Platz!
Hier, Doctor, fasse mich! und nun, in Einem Satz,
4025
Laß uns aus dem Gedräng’ entweichen;
Es ist zu toll, sogar für meines gleichen.
Dort neben leuchtet was mit ganz besond’rem Schein,
Es zieht mich was nach jenen Sträuchen.
Komm, komm! wir schlupfen da hinein.
Mephisto möchte raus aus dem Gedränge, selbst dem Teufel ist hier zu viel los
Faust.
4030
Du Geist des Widerspruchs! Nur zu! du magst mich führen.
Ich denke doch das war recht klug gemacht.
Zum Brocken wandeln wir in der Walpurgisnacht,
Um uns beliebig nun hieselbst zu isoliren.

Mephistopheles.
Da sieh nur welche bunten Flammen!
4035
Es ist ein muntrer Klub beysammen.
Im Kleinen ist man nicht allein.

Faust.
Doch droben möcht’ ich lieber seyn!
Schon seh’ ich Glut und Wirbelrauch.
[268]
Dort strömt die Menge zu dem Bösen;
4040
Da muß sich manches Räthsel lösen.

Mephistopheles.
Doch manches Räthsel knüpft sich auch.
Laß du die große Welt nur sausen,
Wir wollen hier im Stillen hausen.
Es ist doch lange hergebracht,
4045
Daß in der großen Welt man kleine Welten macht.
Da seh’ ich junge Hexchen nackt und blos,
Und alte die sich klug verhüllen.
Seyd freundlich, nur um meinetwillen,
Die Müh’ ist klein, der Spaß ist groß.
4050
Ich höre was von Instrumenten tönen!
Verflucht Geschnarr! Man muß sich dran gewöhnen.
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders seyn,
Ich tret’ heran und führe dich herein,
Und ich verbinde dich aufs neue.
4055
Was sagst du, Freund? das ist kein kleiner Raum.
Da sieh nur hin! du siehst das Ende kaum.
Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe;
Man tanzt, man schwazt, man kocht, man trinkt, man liebt;
Nun sage mir, wo es was bessers giebt?
[269]
Faust.
4060
Willst du dich nun, um uns hier einzuführen,
Als Zaub’rer oder Teufel produziren?
Mephisto beschreibt die Szenerie: Das sie Musik hören und nackte, junge Hexen herum springen, während sich die alten "klug verhüllen"
Mephistopheles.
Zwar bin ich sehr gewohnt incognito zu gehn;
Doch läßt am Galatag man seinen Orden sehn.
Ein Knieband zeichnet mich nicht aus,
4065
Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus.
Siehst du die Schnecke da? sie kommt herangekrochen;
Mit ihrem tastenden Gesicht
Hat sie mir schon was abgerochen.
Wenn ich auch will, verläugn’ ich hier mich nicht.
4070
Komm nur! von Feuer gehen wir zu Feuer,
Ich bin der Werber und du bist der Freyer.
zu einigen, die um verglimmende Kohlen sitzen.
Ihr alten Herrn, was macht ihr hier am Ende?
Ich lobt’ euch, wenn ich euch hübsch in der Mitte fände,
Von Saus umzirkt und Jugendbraus;
4075
Genug allein ist jeder ja zu Haus.
Faust fragt Mephisto ob sich dieser als Teufel zu erkennen geben will. Er will nun mit Faust zum Feuer gehen, wo getagt wird
General.
Wer mag auf Nationen trauen!
Man habe noch so viel für sie gethan;
[270]
Denn bey dem Volk, wie bey den Frauen,
Steht immerfort die Jugend oben an.

Minister.
4080
Jetzt ist man von dem Rechten allzuweit,
Ich lobe mir die guten Alten;
Denn freylich, da wir alles galten,
Da war die rechte goldne Zeit.

Parvenü.
Wir waren wahrlich auch nicht dumm,
4085
Und thaten oft, was wir nicht sollten;
Doch jetzo kehrt sich alles um und um,
Und eben da wir’s fest erhalten wollten.

Autor.
Wer mag wohl überhaupt jetzt eine Schrift
Von mäßig klugem Inhalt lesen!
4090
Und was das liebe junge Volk betrifft,
Das ist noch nie so naseweis gewesen.

Mephistopheles.
auf einmal sehr alt erscheint.
Zum jüngsten Tag fühl’ ich das Volk gereift;
Da ich zum letztenmal den Hexenberg ersteige,
[271]
Und, weil mein Fäßchen trübe läuft;
4095
So ist die Welt auch auf der Neige.
Mephisto hält eine Ansprache vor den Versammelten. Er berichet, das er zum letzten Mal zum Hexenberg kommt, und das er vermutet, dass die Welt bald untergeht ( zum jüngsten Tag, die Welt auch auf der Neige)
Trödelhexe.
Ihr Herren geht nicht so vorbey!
Laßt die Gelegenheit nicht fahren!
Aufmerksam blickt nach meinen Waaren,
Es steht dahier gar mancherley.
4100
Und doch ist nichts in meinem Laden,
Dem keiner auf der Erde gleicht,
Das nicht einmal zum tücht’gen Schaden
Der Menschen und der Welt gereicht.
Kein Dolch ist hier, von dem nicht Blut geflossen,
4105
Kein Kelch, aus dem sich nicht, in ganz gesunden Leib,
Verzehrend heißes Gift ergossen.
Kein Schmuck, der nicht ein liebenswürdig Weib
Verführt, kein Schwerdt das nicht den Bund gebrochen,
Nicht etwa hinterrücks den Gegenmann durchstochen.

Mephistopheles.
4110
Frau Muhme! Sie versteht mir schlecht die Zeiten.
Gethan geschehn! Geschehn gethan!
Verleg’ sie sich auf Neuigkeiten,
Nur Neuigkeiten ziehn uns an.
[272]
Faust.
Daß ich mich nur nicht selbst vergesse!
4115
Heiß’ ich mir das doch eine Messe!

Mephistopheles.
Der ganze Strudel strebt nach oben;
Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben.

Faust.
Wer ist denn das?

Mephistopheles.
 Betrachte sie genau!
Lilith ist das.

Faust.
 Wer?

Mephistopheles.
 Adams erste Frau.
4120
Nimm dich in Acht vor ihren schönen Haaren,
Vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt.
Wenn sie damit den jungen Mann erlangt,
So läßt sie ihn so bald nicht wieder fahren.
Faut wohnt dem ganzen Schauspiel beeindruckt bei, er sieht Litlith, Adams erste Frau. Mephisto warnt Faust eindringlich davor sich in ihre Haare zu verlieben
Faust.
Da sitzen zwey, die alte mit der jungen;
4125
Die haben schon was rechts gesprungen!
[273]
Mephistopheles.
Das hat nun heute keine Ruh.
Es geht zum neuen Tanz, nun komm! wir greifen zu.

Faust mit der jungen tanzend.
     Einst hatt’ ich einen schönen Traum;
Da sah ich einen Apfelbaum,
4130
Zwey schöne Aepfel glänzten dran,
Sie reizten mich, ich stieg hinan.

Die Schöne.
     Der Aepfelchen begehrt ihr sehr
Und schon vom Paradiese her.
Von Freuden fühl’ ich mich bewegt,
4135
Daß auch mein Garten solche trägt.

Mephistopheles mit der Alten.
     Einst hatt’ ich einen wüsten Traum;
Da sah ich einen gespaltnen Baum,
Der hatt’ ein – – –[6];
So – [7] es war, gefiel mir’s doch.

Die Alte.
4140
     Ich biete meinen besten Gruß
Dem Ritter mit dem Pferdefuß!
[274]
Halt’ er einen – –[8] bereit,
Wenn er – – –[9] nicht scheut.
Faust und Mephisto tanzen und singen Lieder, sie haben sich mit einigen Hexen eingelassen
Brocktophantasmist.
     Verfluchtes Volk! was untersteht ihr euch?
4145
Hat man euch lange nicht bewiesen?
Ein Geist steht nie auf ordentlichen Füßen;
Nun tanzt ihr gar, uns andern Menschen gleich!

Die Schöne tanzend.
Was will denn der auf unserm Ball?

Faust tanzend.
Ey! der ist eben überall.
4150
Was andre tanzen muß er schätzen.
Kann er nicht jeden Schritt beschwätzen;
So ist der Schritt so gut als nicht geschehn.
Am meisten ärgert ihn, sobald wir vorwärts gehn.
Wenn ihr euch so im Kreise drehen wolltet,
4155
Wie er’s in seiner alten Mühle thut,
Das hieß er allenfalls noch gut;
Besonders wenn ihr ihn darum begrüßen solltet.
Man wundert sich, dass der Teufel persönlich zum Tanzen kommt, Faust erklärt dies näher
Brocktophantasmist.
Ihr seyd noch immer da! nein das ist unerhört.
Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt!
[275]
4160
Das Teufelspack es fragt nach keiner Regel.
Wir sind so klug und dennoch spukt’s in Tegel.
Wie lange hab’ ich nicht am Wahn hinausgekehrt
Und nie wird’s rein, das ist doch unerhört!

Die Schöne.
So hört doch auf, uns hier zu ennuyiren!

Brocktophantasmist.
4165
Ich sag’s euch Geistern in’s Gesicht,
Den Geistesdespotismus leid’ ich nicht;
Mein Geist kann ihn nicht exerziren.
es wird fortgetanzt.
Heut, seh’ ich, will mir nichts gelingen,
Doch eine Reise nehm’ ich immer mit
4170
Und hoffe noch, vor meinem letzten Schritt,
Die Teufel und die Dichter zu bezwingen.
Der Brocktophantasmist versucht die Tanzenden zum Aufhören zu bewegen und tut seinen Unmut kundt.
Mephistopheles.
      Er wird sich gleich in eine Pfütze setzen,
Das ist die Art wie er sich soulagirt,
Und wenn Blutegel sich an seinem Steiß ergötzen,
4175
Ist er von Geistern und von Geist kurirt.
zu Faust der aus dem Tanz getreten ist.
[276]
Was lässest du das schöne Mädchen fahren?
Das dir zum Tanz so lieblich sang.

Faust.
Ach! mitten im Gesange sprang
Ein rothes Mäuschen ihr aus dem Munde.

Mephistopheles.
4180
Das ist was rechts! das nimmt man nicht genau.
Genug die Maus war doch nicht grau.
Wer fragt darnach in einer Schäferstunde?

Faust.
Dann sah’ ich –

Mephistopheles.
 Was?

Faust.
 Mephisto siehst du dort
Ein blasses, schönes Kind allein und ferne stehen?
4185
Sie schiebt sich langsam nur vom Ort,
Sie scheint mit geschloßnen Füßen zu gehen.
Ich muß bekennen, daß mir däucht,
Daß sie dem guten Gretchen gleicht.
Faust erschien ein Mädchen, das dem Gretchen ähnlich sah, es lief ohne die Beine auseinander nehmen zu müssen. Vorher tanzte er mit einer Frau, der ein Tier aus dem Mund lief. Mephisto fand das nicht sexuell abstoßend
Mephistopheles.
Laß das nur stehn! dabey wird’s niemand wohl.
[277]
4190
Es ist ein Zauberbild, ist leblos, ein Idol.
Ihm zu begegnen, ist nicht gut,
Vom starren Blick erstarrt des Menschen Blut,
Und er wird fast in Stein verkehrt;
Von der Meduse hast du ja gehört.

Faust.
4195
Fürwahr es sind die Augen einer Todten,
Die eine liebende Hand nicht schloß.
Das ist die Brust, die Gretchen mir geboten,
Das ist der süße Leib, den ich genoß.

Mephistopheles.
Das ist die Zauberey, du leicht verführter Thor!
4200
Denn jedem kommt sie wie sein Liebchen vor.
Mephisto erklärt, dass es sich bei der Gestalt um ein Trugbild handelt, das immer in der Gestralt des jeweiligen Liebchen erscheinen würde. Es sei sehr gefährlich, da man sich in den Blicken verlieren könnte.
Faust.
Welch eine Wonne! welch ein Leiden!
Ich kann von diesem Blick nicht scheiden.
Wie sonderbar muß diesen schönen Hals
Ein einzig rothes Schnürchen schmücken,
4205
Nicht breiter als ein Messerrücken!

Mephistopheles.
     Ganz recht! ich seh’ es ebenfalls.
Sie kann das Haupt auch unterm Arme tragen;
[278]
Denn Perseus hat’s ihr abgeschlagen.
Nur immer diese Lust zum Wahn!
4210
Komm doch das Hügelchen heran,
Hier ist’s so lustig wie im Prater;
Und hat man mir’s nicht angethan,
So seh’ ich wahrlich ein Theater.
Was giebt’s denn da?

Servibilis.
 Gleich fängt man wieder an.
4215
Ein neues Stück, das letzte Stück von sieben,
Soviel zu geben ist allhier der Brauch.
Ein Dilettant hat es geschrieben,
Und Dilettanten spielen’s auch.
Verzeiht ihr Herrn, wenn ich verschwinde;
4220
Mich dilettirt’s den Vorhang aufzuziehn.

Mephistopheles.
     Wenn ich euch auf dem Blocksberg finde,
Das find’ ich gut; denn da gehört ihr hin.
[279]
Mephisto erkärt Faust, dass das Mädchen auch den Kopf unter dem Arm tragen könnte. Er kritisiert das Geschehen auf dem Blocksberg als Theater und ist froh, dass die dort hingehören 

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